Warum Parks nicht geschlechtsneutral sind und Straßenbeleuchtung feministisch sein kann

Wien gilt international als Vorbild für inklusive und gendergerechte Stadtplanung. Das verdankt die Stadt Eva Kail. Im Interview erzählt die Planerin, warum Wiens Straßen in letzter Zeit wieder dunkler wirken, warum Frauen und arme Menschen besonders von Klima-Maßnahmen profitieren und welche Männer von Planenden oft übersehen werden.

vom Recherche-Kollektiv Busy Streets:
10 Minuten
Rechts im Vordergrund ist eine Frau mit schulterlangen weißen Haaren zu sehen. SIe trägt eine große runde Brille und einen dunkelblauen Mantel. Sie steht auf einem Spielplatz zwischen orangefarbenen Reckstangen. Auf dem Boden ist Rindenmulch, im Hintergrund steht ein großes, Baumhaus-artiges Klettergerüst aus Holz mit Hängebrücken. Noch weiter im Hintergrund sind verschwommen Bäume, Parkbänke und ein paar Menschen zu sehen.

Mehr als 30 Jahre lang hat Eva Kail als Planerin die Stadt Wien geprägt. Seit einem Jahr ist die 66-Jährige in Pension, vielbeschäftigt ist sie weiterhin: Sie hält Vorträge in München und Riad, spricht mit der New York Times, berät Institutionen wie die Weltbank. Zum Gespräch lädt sie zu sich nach Hause ein: Eine Gasse in Wien-Wieden, auf beiden Straßenseiten parkende Autos, keine Bäume. Kail wohnt in einer großen Altbauwohnung, vierter Stock ohne Aufzug. Später wird sie noch zu einem Park um die Ecke führen, den sie umgestalten ließ.

Frau Kail, was macht eine Stadt genderneutral?

Eine gendergerechte Stadt ist eine Stadt für Alle. Da sind die Gehsteige breit genug, dass zwei Menschen mit Kinderwagen aneinander vorbeikommen. Ältere Menschen oder Menschen mit kleinen Kindern können ohne Hast eine Straße überqueren, ohne mittendrin auf einer Verkehrsinsel warten zu müssen. Frauen fühlen sich sicher, wenn sie nachts alleine unterwegs sind. Das Thema zieht sich vom Städtebau über die Mobilität bis zur Parkgestaltung auf allen Planungsebenen durch.

Mit dem biologischen Geschlecht hat das alles nichts tun.

Nein, aber mit dem sozialen Geschlecht. Bis heute sind es meistens Frauen, die Care-Arbeit übernehmen, also zum Beispiel die Kinder in den Kindergarten bringen. Und das subjektive Sicherheitsempfinden beeinflusst die Alltagsmobilität von Frauen und Mädchen stärker als die von Männern und Jungen. Da hilft zum Beispiel bessere Beleuchtung. Letztlich geht es beim Gender Planning darum, dass die Stadt fair geteilt wird und möglichst alle Gruppen bei der Planung mitgedacht werden, sich gut durch die Stadt bewegen können und sich wohlfühlen.

Sie beschäftigen sich inzwischen seit mehr als 30 Jahren mit diesem Thema. Wie haben sich die Städte verändert in dieser Zeit?

Als wir 1991 die Ausstellung „Wem gehört der öffentliche Raum? Frauenalltag in der Stadt“ gemacht haben, hat in Österreich kein Mensch über Fußgänger*innen-Interessen oder den öffentlichen Raum gesprochen. Die Städte wurden von Männern geplant, die morgens mit dem Auto in die Arbeit fuhren und abends wieder zurück – und so sahen sie auch aus. Heutzutage ist das Thema öffentlicher Raum „hip“, die Städte haben erkannt, dass das einer der wenigen Bereiche ist, wo sie unmittelbare Gestaltungsmöglichkeiten haben. Wer wissen will, was in zehn Jahren los ist, sollte auf feministische Planerinnen hören. Sie sind wie Trüffelschweine, weil sie sehr frühzeitig Themen aufgreifen.

Das Foto zeigt eine große Grünfläche mit einzelnen Bäumen. Auf ihr verstreut sind verschiedene hölzerne Klettergerüste, Sitzmöbel, Blumenbeete und eine Rutsche zu sehen. LInks im Bild führen Freitreppen zu einem modernen, holzverkleideten Gebäude mit mehreren Terrassen.
Vom Schulcampus in der Seestadt Aspern war eine Berliner Kollegin von Eva Kail besonders beeindruckt.
Im Vordergrund des Fotos spielen vier Kinder zwischen kleinen Wasserfontänen auf einem gepflasterten Platz. Im Hintergrund sind mehrere moderne Wohngebäude mit Geschäften und Lokalen im Erdgeschoß zu sehen, dazwischen viele Bäume und großzügige Blumenbeete.
Mehr Platz für Bäume und spielende Kinder, weniger für parkende Autos: Viele Orte im Stadtentwicklungsgebiet Seestadt Aspern kommen Eva Kails Vorstellungen von der perfekten Stadt schon sehr nahe.
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