Industrielles Wasserstoffprojekt gefährdet astronomische Forschung in Chile

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht diese Woche ein Observatorium in Chile, an dem Europa beteiligt ist. Ausgerechnet dort soll jetzt ein Industriepark für den Wasserstoff-Export entstehen. Wissenschaftler schlagen Alarm.

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Dieses Bild zeigt die Milchstraße, die sich hinter einem der Hilfsteleskope des Very Large Telescope (VLT) der ESO erstreckt.

Wer nachts in den Himmel der Atacama-Wüste blickt, fühlt sich dem Universum ganz nah. In der klaren, trockenen Luft spannt sich die mit bloßem Auge erkennbare Milchstraße wie ein leuchtendes Band aus unzähligen Sternen über den Nachthimmel. Auf dem Cerro Paranal, einem Berg auf 2.635 Meter über dem Meeresspiegel und über 1.200 Kilometer von der Hauptstadt Santiago entfernt, befindet sich einer der weltweit besten astronomischen Beobachtungsstandorte. „Es ist der dunkelste Ort der Welt, das letzte Fenster zum Universum“, sagt Itziar de Gregorio-Monsalvo, die als Astronomin am Paranal-Observatorium arbeitet.

Das Observatorium wird von der Europäischen Südsternwarte (ESO) betrieben und beherbergt mit dem Very Large Telescope (VLT) eines der größten Teleskope der Welt. Es besteht aus vier Einzelteleskopen, dessen Spiegel zusammengeschaltet werden können. Astronomïnnen nehmen hier Bilder von Planeten außerhalb unseres Sonnensystems auf und erforschen die Expansion des Universums. Die Paranal-Teleskope waren an der Erforschung Schwarzen Lochs im Zentrum der Milchstraße beteiligt, die 2020 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde. Wenige Kilometer entfernt auf dem Cerro Armazones entsteht derzeit das größte optische Teleskop der Welt: Das Extremely Large Telescope (ELT). Es soll bis 2029 fertiggestellt werden. „Mit diesem Teleskop können wir die Entstehung von Galaxien und das Leben auf anderen Planeten erforschen“, sagt Gregorio-Monsalvo.

Die spanische Astronomin Itziar de Gregorio-Monsalvo
Die spanische Astronomin Itziar de Gregorio-Monsalvo warnt vor den Folgen des Industrieprojekts für die astronomische Forschung in Chile.

Lichtverschmutzung gefährdet den dunkelsten Ort der Welt

Teleskope sammeln das Licht von weit entfernten Objekten wie Sternen oder Planeten. Je dunkler der Himmel, desto klarer und detaillierter lässt sich das Licht einfangen. Das größte Hindernis für astronomische Beobachtungen ist deshalb Lichtverschmutzung. Eine Studie, die 2023 in den Monthly Notices of the Royal Astronomical Society veröffentlicht wurde, verglich die Lichtverschmutzung an allen 28 großen astronomischen Observatorien. Dabei zeigte sich, dass das Paranal-Observatorium der dunkelste Ort unter ihnen ist. Aber das könnte sich bald ändern.

Der Energiekonzern AES Andes, eine Tochtergesellschaft der US-amerikanischen AES Corporation, will in unmittelbarer Nähe des Observatoriums ein Industrieprojekt zur Produktion von grünem Wasserstoff errichten: Mehr als 3.000 Hektar mit Windrädern, Photovoltaikanlagen und tausenden Stromgeneratoren. Sogar ein Hafen soll wenige Kilometer von den Teleskopen entfernt entstehen, um den grünen Wasserstoff in die Welt zu exportieren. 2032 soll das Projekt in Betrieb gehen, aber schon die Bauphase könnte zum Problem für die astronomischen Beobachtungen werden. Denn das alles bedeutet: viel Licht.

Die klimatischen Bedingungen in der Atacama-Wüste sind nicht nur für astronomische Beobachtungen optimal, sondern auch für die Erzeugung erneuerbarer Energien, die wiederum für die Produktion von grünem Wasserstoff benötigt werden. Das ganze Jahr über scheint die Sonne, und es wehen starke Winde. Grüner Wasserstoff gilt als Schlüsselelement der Energiewende, denn er soll fossile Brennstoffe ersetzen – auch in Deutschland. Deutschland unterhält bereits seit 2019 eine Energiepartnerschaft mit Chile, 2021 unterschrieben die Regierungen eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit in der Wasserstoffwirtschaft. In Patagonien läuft ein Pilotprojekt von Siemens Energy und Porsche. Deutschland will künftig grünen Wasserstoff aus dem Andenland importieren.

Eine Karte zeigt die Orte, an denen der Industriekomplex für die Herstellung von grünem Wasserstoff entstehen soll.
Ein Industriekomplex für die Herstellung und den Export von grünem Wasserstoff soll nur wenige Kilometer von den Teleskopen des Paranal-Observatoriums entfernt entstehen.
Ein Blick aus der Luft auf die Plattform des Very Large Telescope (VLT) der ESO auf dem Cerro Paranal in der chilenischen Atacamawüste.
Ein Blick aus der Luft auf die Plattform des Very Large Telescope (VLT) der ESO auf dem Cerro Paranal in der chilenischen Atacamawüste.
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