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Gelassenheit im Chaos - Teekultur und Farbholzschnitte erzählen von der Kultur Japans
Von Japan lernen – Ruhe (bewahren) in der Unbeständigkeit
Blick auf eine Kultur, die dem Flüchtigen der Existenz Ritual und Schönheit gegenüberstellt. Über die Bedeutung der Teekultur und die Botschaft berühmter Holzschnitte.

Die Welt ist in Aufruhr. Sich von den Nachrichten abzuschotten, ist keine Lösung. Eine Pause einlegen geht aber schon. Da kommt die Ausstellung Die Welt im Fluss. Über Bewegtes und Vergängliches in der Japanischen Kunst im Frankfurter Museum Angewandte Kunst, kurz MAK, gerade recht. Deren Kurator für Asiatische Kunst, Stephan von der Schulenburg, erklärt den kulturgeschichtlichen Hintergrund der Teekultur, die Bedeutung dieses Rituals und der alten und neuen Kunst Japans.
Japan ist die viertgrößte Handelsmacht der Welt, doch das war nicht immer so. Wie China hatte sich Japan über Jahrhunderte von der übrigen Welt abgeschottet, so dass alte Traditionen länger überlebten als anderswo. Als sich im 16. Jahrhundert die Portugiesen ansiedelten, um Handel zu treiben und sich anschickten, das Land zu christianisieren, regte sich Widerstand bei der japanischen Führungselite. Die Shogune, die Militärherrscher der Edo-Zeit, drängten den fremden Einfluss zurück und schlossen das Land, bis auf eine über den Seeweg zu erreichende Handelsniederlassung, von der übrigen Welt ab.
Während des gemeinsamen Teetrinkens zeigt man im buddhistischen Sinne Präsenz. Man ist nicht abgelenkt. Man ist mit wenigen Menschen zusammen. Man trinkt diesen grünen Tee, der sehr intensiv ist.
Stephan von der Schulenburg, Kurator für Asiatische Kunst am Museum Angewandte Kunst Frankfurt
In diese Phase fällt die frühe Blütezeit der Teekultur in Japan. Es war eine Zeit der Bürgerkriege zwischen Territorialfürsten, die sich mit Feuerwaffen bekämpften, die den Musketen der Portugiesen nachempfunden waren. Dem blinden Eifer der rivalisierenden Gruppen galt es, etwas entgegenzusetzen. Einer der großen Patriarchen dieser Zeit, Sen no Rikyû, ritualisierte die Teekultur und machte sie zu einer Schule der Einfachheit und gemeinsamer Kontemplation. Er war einer der engsten Berater des Shoguns, des obersten Militärherrn des Landes und ein „Teemensch“, wie Stephan von der Schulenburg es ausdrückt. „Sen no Rikyû ist ein kritischer, selbstbewusster Mensch gewesen, der mit seiner Geisteshaltung, dem sogenannten Teeweg eine bestimmte Kultur prägte.“
Auch hochgestellte Persönlichkeiten konnten nur kriechend ins Teehaus gelangen
Die Teezeremonie war gelebte Kultur, jedem Detail kam eine Bedeutung zu. Das Teehaus galt als hierarchieloser Raum. Von Sen no Rikyû sei der Eingang so niedrig angelegt worden, dass selbst hochgestellte Persönlichkeiten in die Knie gehen mussten, um in den Raum hineinzugelangen, so der Kurator. Diese Demutsgeste sei in Japan sehr bedeutsam.
Das Teehaus sei als ästhetischer Raum gedacht, der alles ausblendet, was das äußere Leben betrifft. Der Lärm der Welt soll ausgeschlossen werden. „Man widmet sich in meditativer Stille der Schönheit. Zum klassischen Teehaus gehört eine Bildnische, in der ein Rollbild, meist eine Kalligrafie, also ein Schriftbild aufgehängt wird. Es sei ein quasireligiöses Ritual, ein Zur-Ruhe-Kommen in der Unbeständigkeit der Welt.“

Der Japan-Experte weist aber auch auf den zwischenmenschlichen Aspekt der Teezeremonie hin. „Während des gemeinsamen Teetrinkens zeigt man im buddhistischen Sinne Präsenz. Man ist nicht abgelenkt. Man ist mit wenigen Menschen zusammen. Man trinkt diesen grünen Tee, der sehr intensiv ist.“ Das Teehaus hat in der Regel einen Ausblick in einen Garten, ist ein stiller Ort und sehr einfach. Das Ritual des Teetrinkens steht für einen Akt der Bescheidenheit, der Demut, der Aufmerksamkeit und des Kommunizierens in einer respektvollen Art.
Keine Teerzeremonie ohne Teeschale. Legendär ist die Raku-Keramik, deren Bedeutung ebenfalls auf den schon erwähnten Ahnherren der Teezeremonie Sen no Rikyû zurückgeht. Die Raku-Werkstatt sei unter ihm erst das geworden, was sie war, so von der Schulenburg. Raku-Schalen würden bei niedriger Temperatur gebrannt und könnten schnell zerbrechen. Sie seien von Hand geformt, also mit einer gewissen Individualität behaftet. Risse in den Schalen wurden mit Goldlack repariert.

Sie stehen für das Ephemere, den Kult des Vergänglichen und der Einfachheit. Sie erzählen aber auch von einem intuitiven Umgang mit der Materie. Raku-Schalen werden in derselben Töpferfamilie seit dem 16. Jahrhundert, heute in der 16. Generation, produziert. Man könne nur an kleinen Unterschieden feststellen, was beispielsweise von dem 5. oder dem 12. Raku-Meister hergestellt wurde. Mitte des 20. Jahrhunderts faszinierte diese einfache Form Teekeramik erneut. So erinnern manche von modernen Künstlern gestaltete Objekte an alte Raku-Schalen. Die Kultur der Einfachheit, des Rituals als Kraft gegen den stetigen Fluss des Lebens lebt aber auch in anderer Gestalt weiter.
Wim Wenders widmete dem Hang zur Einfachheit einen Film
Ein schönes Beispiel für die versteckte Kontinuität traditioneller japanischer Lebensart ist der Kinofilm Perfect Days von Wim Wenders. Der Film, der 2023 beim Filmfestival von Cannes Premiere hatte, erzählt von einem Mann, der in Tokio hingebungsvoll Toilettenhäuser putzt, die von berühmten Architekten entworfen wurden. Abends geht er in einer Markthalle essen, verbringt die restliche Zeit mit einem Buch auf seinem Futon und sucht eine Musikkassette aus, die er am Morgen auf der Fahrt zur Arbeit in den Rekorder schiebt.
Alle Tage verlaufen gleich, aber der Soundtrack ist immer ein anderer. Der Film bringt den Gleichmut auf den Punkt, mit dem Japaner seit Jahrhunderten auf die Unwägbarkeiten des Weltgeschehens reagieren. Diese Haltung geht auf den japanischen Dichter Matsuo Bashô aus dem 16. Jahrhundert zurück. Seine Formel fueki ryuko, Ruhe in der Unbeständigkeit, steht für Gelassenheit angesichts des beständigen Wandels der Lebensumstände und Moden.
Trotz der häufigen Erdbeben und Tsunamis hätten viele Japaner dennoch etwas Entspanntes, sagt von der Schulenburg. Obwohl die Atomkraftwerk-Havarie von Fukushima 2011 einen Teil des Landes auf lange Sicht unbewohnbar gemacht habe, würde wenig darüber gesprochen. Solche Ereignisse seien die Menschen gewohnt, hindere sie aber nicht daran, das Leben zu genießen. Man setze weiter auf Atomenergie, um E-Autos und Computertechnologie am Laufen zu halten. Es gäbe kaum eine Stadt, in der es so viele Kneipen gebe, wie in Tokio. Und wenn man sich die japanischen Holzschnitte anschaue, habe man nicht den Eindruck, dass alle Japaner nur melancholisch gestimmt wären.
Hokusai und der japanische Holzschnitt
Die heute zu hohen Preisen gehandelten japanischen Farbholzschnitte galten bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht als Kunst. Es waren volkstümliche Grafiken, die sich jeder leisten konnte. Der herausragende Meister dieses Genres war Katsushika Hokusai, der von 1760 bis 1849 in der Region von Edo, heute Tokio, lebte. Sein Blatt Hinter der großen Woge vor (der Küste von) Kanagawa gilt heute als das weltweit bekannteste Bildmotiv. Zu sehen ist eine Tsunamiwelle, die im Begriff ist, mehrere Boote unter sich zu begraben.
Ein anderes Blatt von Hokusai, auf dem ein Fischer sein Netz aus dem Wasser zieht, ist für den Kunsthistoriker und Japanologen noch aussagekräftiger. Ein Mann steht gebeugt auf einem kleinen Felsvorsprung über den tosenden Wellen. Vielleicht holt er einen reichen Fang aus dem Meer, vielleicht zieht ihn aber auch ein zu schwerer Fisch ins Meer hinab. Schönheit und Gefahr liegen in solchen Darstellungen eng nebeneinander. Doch wirkt die Szene auch ein wenig grotesk. Diese Blätter hätten auch etwas von einer Caprice, einer Parodie, die das Motiv der unmittelbaren Wirklichkeit enthebt.
Die Schau zeigt, was in der japanischen Formel mono no aware zum Ausdruck kommt. Gemeint ist die Verzweiflung, die uns Menschen erfasst angesichts der schrecklichen Dinge, die in der Welt passieren.
Stephan von der Schulenburg, Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Japan

Die traditionelle Kunst Japans ist von diesem Gefühl latenter Bedrohung geprägt. Im Licht der aktuellen politischen Umwälzungen und des Klimawandels wird sie heute wieder bedeutsam. Diese Unsicherheit betreffe uns nach wie vor, sagt von der Schulenburg. Dieser Gedanke habe ihn motiviert, über das Ephemere, das Flüchtige eine Ausstellung zu machen. „Die Schau zeigt, was in der japanischen Formel mono no aware zum Ausdruck kommt. Die Worte sind schwer ins Deutsche zu übersetzen. Gemeint ist die Verzweiflung, die uns Menschen erfasst angesichts der schrecklichen Dinge, die in der Welt passieren.“ Es gebe aber zugleich eine Tendenz zur unbeschwerten „Feier der Vergänglichkeit“, ein geradezu sorgloses In-den-Tag-Leben.
Diese Melancholie äußert sich auf viele Arten gebrochen auch in der zeitgenössischen Kunst Japans. Dazu muss man wissen, dass die Amerikaner im Jahr 1853 die Öffnung des Landes erzwangen und damit die Voraussetzungen für die Industrialisierung Japans schufen. Ihre Marine kreuzten mit Dampfschiffen auf, die mit Kanonen bestückt waren. Die Japaner machten wie immer das Beste daraus. Sie stürzten sich auf die westlichen Technologien und entwickelten sie in atemberaubenden Tempo weiter.
Kritik an der Umweltzerstörung in Japan
Bald hatte Japan aufgeholt und konnte mit den westlichen Kolonialreichen konkurrieren. Die Folgen der Industrialisierung lösten aber auch Kritik aus. Der Künstler Inoue Yūichi wandte sich mit seinen Werken gegen das ungezügelte Wirtschaftswachstum Japans. Er erlangte in den 1950er Jahren internationale Anerkennung und stellte 1954 erstmals im Museum of Modern Art in New York aus. 1959 wurde er zur 2. documenta nach Kassel eingeladen. Seine expressive Malerei ignorierte die alten Regeln der japanischen Kalligrafie und erinnerte an die Malweise des Abstrakten Expressionismus und des europäischen Informel. Inoue Yūichi machte aber auch inhaltlich einen Punkt. Seine Malerei bestand aus Schriftzeichen, war zugleich Text, in dem er Verschwendung und Umweltzerstörung anprangerte.
Tipp
Die Ausstellung Ausstellung Die Welt im Fluss. Über Bewegtes und Vergängliches in der Japanischen Kunst im Museum Angewandte Kunst (MAK) in Frankfurt am Main läuft bis zum 27. April 2025. Der schön gestaltete, informative Katalog ist in einer deutschen und einer englischen Fassung im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König erschienen und kostet im Buchhandel 28 Euro, an der Museumskasse 25 Euro.